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Hallo und viel Spaß beim Lesen!


Neues Revier

Als ich das erste Mal alleine in eine andere Stadt gezogen bin (zum Studieren), war das Internet in meinem Bekanntenkreis noch nicht sehr verbreitet. Man sprach mit einer gewissen Ehrfurcht von denen, die bereits einen eigenen Internetzugang hatten und erst ein paar Tage später hatte ich meine erste E-Mailadresse.

Dafür lagen in meiner Wohnung die gelben Seiten und ich hatte mir selbstverständlich im Vorfeld einen guten Stadtplan mit Straßenverzeichnis besorgt.
Ich war also durchaus in der Lage, mir auf die meisten Fragen des Alltags eine Antwort zu suchen und erntete auch keine verwirrten Blicke für eine Frage wie, wo der nächste Supermarkt zu finden sei.

Heute ist das etwas anders. Man ist unabhängiger geworden von seinen Mitmenschen.
Wenn man wissen will, wo der nächste Supermarkt ist, sieht man einfach mal bei google nach und wenn man mit jemandem in Kontakt treten will den man länger nicht gesehen hat, schreibt man vielleicht erstmal eine E-Mail.

Problematisch wird es erst dann, wenn man keinen Internetzugang hat.
Wenn das nächste Internetcafé mit Rauchschwaden so vernebelt ist, dass man mit der Nase den fremden Bildschirm fast berühren müsste, um etwas zu sehen und ein berechtigter Wunsch nach einer Sauerstoffmaske aufkommt. Wenn man sich nicht sicher ist, ob in diesem Internetcafé nicht eigentlich ganz andere Geschäftsmodelle dahinter stecken.
Wenn man keinen eigenen Laptop besitzt und daher auch Starbucks nicht als logische nächste Option sieht.
Wenn völlig unklar ist, wo man gelbe Seiten auftreiben könnte und z.B. ein darin gefundener Bioladen längst zu einem Handygeschäft geworden ist.
Wenn man erst einmal keinen anständigen Stadtplan kaufen möchte, weil man ja ohnehin sehr bald wieder Zugriff auf Kartenmaterial im Internet hat.

Wirklich problematisch wird es dann, wenn das "sehr bald" sich hinzieht.
Man ist gestrandet in einer fremden Stadt, die man sich zwar, wie früher auch, sich nach und nach erlatscht, aber nicht gezielt für sich entdecken kann. Man ist abgeschnitten von der Welt.

Ich betrachte das Internet als äußerst hilfreich in vielen Lebenslagen.
Allerdings keimt in mir die Theorie auf, dass ich mich inzwischen ein wenig zu abhängig davon gemacht habe. Hat die Nutzung des Internets mein Denken verändert?

Während ich ein paar internetfreie Tage auf vollem Herzen genieße, so habe ich in den internetfreien Wochen nach meinem letzten Umzug irgendwann gelitten.
Vielleicht sollte man seine „Outdoorskills“ trainieren und einfach wieder üben, wie man z.B. ein Lagerfeuer ohne Lagerfeuerapp anzünden kann?
Oder eben so simple Dinge, wie man die richtigen Mitmenschen nach um Rat fragt, um den nächsten Flaschencontainer zu finden.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade ältere Manschen einen da deutlich weniger verwirrt ob der ihnen gegenüberstehenden Ahnungslosigkeit ansehen.

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Texte und Design Gisela Gerlach